Apfelkern

Ich lebte mitten in einem Apfelkernhaus
und versteckte mich oft in der hinteren Kammer.
Im Sommer schrieb ich lange Gedichte für Niemand,
im Winter hörte ich das Winderlied des Winterwindes
und dachte an den Frühling, an die Apfelblüte in meinem Ich.
und schloss meine Augenlider für einen Traum.
Unter meinen Augenlidern zogen Tage und Nächte vorbei.
Ich liebte noch nicht.
An regnerischen Tagen versuchte ich mich 
an einige subtilere Dinge zu erinnern,
wie die Zusammensetzung des Universums
oder der Zustand des ersten Prinzips.

Ich versuchte mich an den ersten Regen, 
an die erste blühende Kastanie 
und an den ersten Gedanken an die Liebe zu erinnern
als die Abendrotsonne ihre Strahlen sandte
tief durch die Apfelschale auf meine 
durch Schlaf und Warten fragil gewordene Haut.
Ich dachte an den Apfelbaum
mein einziges Bildnis vom Sublimen.
Dann fiel ich auf die Knie,
dort im duftenden, roten Kern
und sah die Hand desjenigen, der in den Apfel biss.
Ich will nie mehr ein Kern sein
in einem Apfel.


©Émilia


Wie kommt es, dass wie nie wissen was wir wollen, bis wir es finden?

 Ich war schon lange nicht am Meer. Es wird mich bestimmt vermissen, wie ich es vermisse. Es fühlt sich bestimmt einsam. Und wenn ich es besuchen werde, wird es sich mir langsam nähern, meine Füße umspielen, und mit Tränenwellen in den Augen, mir erzählen wie einsam es ist ohne Menschen am Sandstrand und ohne mich an den Klippen. 
Keine Fußspuren im weichen Sand, keine PET Flaschen schwimmen voerloren umher.
Ungesammelte Muscheln und Algen hängen an seinen Wangen und nach jedem Säufzer sucht der Wind nach Sandherzen und Sandburgruinen aus anderen Zeiten. In den Klippen sucht er nach versteckten  Liebesbriefen und  ......was here....Spuren von Menschen die andere wissen ließen, dass sie hier waren.
Ich war auch hier und habe Möwen beobachtet. Flügel die von Himmel und Blau erzählten, Gedanken über Himmel und Meer losließen, dem Wind übergaben  Stille und Gelassenheit über den Augenblick verbreiteten. Ein Erschaudern, wenn die schäumende Welle das Ufer berührte, sich kräuselte wie feine Seide und brach. Die erhabene Stille danach wie ein Ende vom Lied das im Herzen noch nachklang, ein leises Murmeln für sich selbst.
Wer lauscht die Musik der schlaflosen Grillen, wer versteckt Muscheln im Sand und wer erschaudert beim Wellenbrechen?
Wie die Zeit sorglos zwischen zwei Erinnerungen vergeht, nur die Sehnsucht wächst schmerzhaft weiter. 
"Wie kommt es, dass wie nie wissen was wir wollen, bis wir es finden?"

Ich werde meine Arme lang und weit ausstrecken, werde es umarmen und werde ihm zuflüstern.... es hat sich viel verändert hier bei dir....und ich habe mich auch verändert...

Irgendwer bringt die Saiten einer Gitarre zum Klingen.......ich kenne das Lied......und ich singe so leise, gebe mich mit meiner Stimme der wunderschönen Begleitmusik hin , dass niemand mir zuhören kann. Die Nacktheit meines Ichs, eingehüllt und so viel Sehnsucht und Liebe in der Stimme gefesselt und keine Angst. Ich singe entfesselt .....




Innere Rückzüge

 Ob ich davor welche hatte? So weit kann ich mich nicht zurückerinnern. Mama erzählte immer, dass ich als Baby schon sehr fremdelte. ch schrie wenn mich jemand außer Maman, mein Vater oder meine Brüder in die Arme nehmen wollte. Wenn sie mit uns in den Urlaub fuhren, konnte ich nicht einschlafen, weil es nicht mein Bett war. 
Als wir  dann zu Oma und Opa zogen, daran erinnere ich mich sehr gut, war alles neu für mich. Nicht nur die alltägliche Sprache, die meine Sprache immer mehr ersetzte, war ungewohnt, obwohl wir ja zweisprachig aufwuchsen, und ich die Sprache kannte. Die ganze Umgebung war ungewohnt. So viele Bäume und Felder und Zäune. Es war November, Morgennebel und es nieselte. Die Erwachsenen führten ernste Gespräche, aber sie lachten auch. Wir Kinder mussten mit dem neuen Spielzeug spielen, das für uns gekauft wurde. ich freute mich nicht darauf, sondern ich wollte wissen was es so viel zu bereden gab und wir Kinder nicht zuhören durften.
Oma konnte erstklassig hochen und Opa hatte so viele Witze für uns, trotzdem gewöhnte ich mich erst nach Monaten an sie, an das Haus, an den Garten mit vielen Bäumen. Ich wollte so oft wie möglich allein sein. Ab und zu schlich ich mich in Oma und Opa's Zimmer und sah mich um. Opa schien viel zu lesen. Dann entdeckte ich ein altes Kirchenbuchin gothischer Schrift.
Ich konnte die Schrift nicht lesen.
Mit dem Buch in der Hand verließ ich das Zimmer und rannte zu Maman, um zu fragen welche Sprache das sei.
Oma und Opa sahen sich gegenseitig an und Maman erklärte mir kurz die Altdeutsche Schrift.
"Ich kann dir sie beibringen. Lesen und schreiben, wenn du magst!" sagte Opa stolz lächelnd.
"Aber richtig!" scherzte Oma. Doch es klang sehr ernst.
Obwohl das Buch schon damals sehr zerfleddert war, durfte ich nicht reinkritzeln. Tat ich aber doch. 
Ich lernte Gothisch und war so stolz darauf. Leider konnte niemand damit etwas anfangen, also war es mit dem Stolzsein auch schnell vorbei.
Oma schwörte darauf, dass sie und Opa wieder zueinander fanden weil, sie das Buch immer im "Rocksackel" hatte. 
Wie auch immer mein innerer Rückzug verhalf mir Gothisch zu lernen. Und da sie mir nicht helfen konnten mit linker Hand zu schreiben, schreibe ich mit der rechten Hand. Ich schreiben mit beiden Händen. 

Ich war so artig und leise, damit niemand schreit oder sich streitet. Ich gewöhnte mich sehr langsam an Oma und Opa und an ihre spontananen Zankereien die so voll mit Liebe waren, auch wenn sie wütend aufeinander waren. Du alter Bock, du Flederhex, Chaib(eine Art Teufel). und wenn Oma ihre Fürze abließ schimpfte er, weil er das unausstehlich fand: "Der Teufel soll dein Arsch hole" und wir Kinder lachten. Ich lachte bevor Opa in Zeitlupe den Kopf zu ihr drehte und schimpfte. Ich wusste was kommt. 
Opa hatte geschlossene TBC und obwohl er nicht ansteckend war und nie wurde, tat er alles, damit die Krankheit nicht erneut ausbricht. Nur das Rauchern ließ er nie. Er rauchte nie im Haus, nie nur vor der Tür sondern nur draußen im Garten und hinter dem Haus.
Eines Morgens fuhr er in den Nachbarsort zum Lieblingsimker Honig, Waben und Honigwaffeln und Bonbons zu kaufen. Als er seinen Henkelkorb in die Küche brachte um auszupacken, fiel im ein 500g Honigglas auf den steingefliesten Boden in der Küche und zerbrach. Die goldene Flüssigkeit verbreitete sich langsam auf dem Boden wie ein Goldsee.
Oma schrie Opa an, schimpfte und fluchte die ganze Zeit mit ihm, während beide bemüht waren den Goldsee mit alten Putztüchern auf die Kehrschaufel zu bekommen und im Dreckeimer, wie Oma den Mülleimer nannte, zu entsorgen. Opa wischte den honigverklebten Boden sauber, als Oma erneut schrie:
"Gib her, ich mach das schon, du zitterst wie ein Lauffrosch." und riss ihm den Schrubber aus der Hand.
Opa legte sich auf den Chaise lounge in der Ecke und war ganz still. ich weinte und wurde auf Oma wütend und schrie was sie mit Opa getan hätte.
Oma sah mich an und legte ihr Putzzeug zur Seite.
"Opa ist stark erkältet und ich bin ihm nicht böse, nur der Dreck geht so schwer wegzumachen. Dann ging sie mit mir zu Opa und küsste ihn geräuschvoll auf die Wange. Ich mussste über das Quietschgeräusch lachen. Alles andere zuvor war vergessen. es war weg.
"So streitet man sich. Ganz lieb streitet man sich."

Ein weiterer innerer Rückzug war in der École élémentaire. Ein Lehrer der Mathematik und Französische Literatur und Grammatik lehrte und der seine Schüler auf Höchstleistung trimmte. Somit wollte er ein gutes Image unter den Lehrern haben.

Auf schüchterne und leise Schüler hatte er es abgesehen.
An der Tafel wollte er jeden Schritt der Aufgabe laut und deutlich erklärt haben.
Ich redete, aber man hörte mich nicht bis in die zweite Schulbankreihe, geschweige denn bis in die letzte "große Eselsreihe" wie er die letzte Reihe nannte.
Und ich musste wiederholen und lauter werden und noch einmal und noch lauter wiederholen. Ich bekam Halsschmerzen und ich wurde wütend und mir war das peinlich und ich wurde noch wütendender und dann musste ich vor die Tür, weil ich kein Wort mehr herausbekam wegen den Tränenknoten auf den Stimmbändern. Ich hatte Panik. Vielleicht kriege ich eine Ohrfeige oder er wirft mich wieder raus.

Am nächsten Tag sprach Maman vor weil ich einen Eintrag in mein Heft bekam.

Und während Maman mit ihm sprach und ihm erklärte, dass er sich mit Stimmgrundlagen und Anatomie beschäftigen solle, saß er da und starrte Maman an und dann lächelte er, Zum ersten Mal sah ich ihn lächeln.

"Du kannst das, Und zeig allen was du kannst, auch wenn du nicht laut sein kannst. Dreh dich um und zeig auf jeden Schritt und jedes Ergebnis mit dem Landkartenstock damit die Großen hinten in der Eselsbank nicht einmal ans Schwätzen denken können, geschweige denn miteinander zu schwätzen."

Und ich war bei dem Lehrer immer mutig und meine Stimme überschlug sich wenn ich an der Tafel erklärte. Und er nickte zufrieden.

Als Opa dann für immer einschlief  wollte ich nichts mehr essen, wollte weder in meinem Zimmer noch irgendwo etwas verändern.
"Hör mal zu: Opa ist tot. Er war nicht ganz so alt, aber er war krank. Wenn das Leben zu Ende geht ist man tot. Da gibt es weder Gott noch irgendwelche Menschenseelen oder Engel oder Teufel. Deshalb trauern wir. Wir vermissen ihn alle. Irgendwann, das kommt mit dem Lauf der Zeit, erinnern wir uns an ihn immer noch, aber wir vermissen ihn nicht mehr so stark. Also man kann alles verändern was man will. Das ist die Endlichkeit des Lebens wie die Geburt der Anfang ist."

Und trotzdem vermisste ich Maman sehr, sehr lange und wollte lange keine Veränderungen und Om wollte nicht einmal dass ich etwas anfasse, was Maman persönlich gehörte. Sogar Papá konnte Oma nicht mehr ausstehen. Und ich konnte nicht verstehen wie man Kirchenbücher in der Kleidertasche tragen kann.
Erst als die Praxisrechnungen sich häuften ließ sie mich Entscheidungen treffen und wir stritten uns so lange bis ich alles so liegen ließ, mich ins Auto setzte und nach Hause fuhr. Ich ließ mich erst bei ihr blicken als es ihr immer schlechter ging und sie aus der Trauer heraus nicht mehr aus ihrem Zimmer wollte, nicht mehr essen wollte und nur noch vor sich hin vegetierte und die Medikamente die ihre Hausärztin gegen mein Einverständnis ihr den ganzem Lebensmut unterdrückten.

Ich habe aus der Trauer heraus so viele falsche Entscheidungen getroffen, bis mein Zwillingsbruder mir ins Gewissen reden konnte und mir jede Menge an Verantwortung und Eigenverantwortung aufdrückte, dass ich keinen einzigen inneren Rückzug wagen kann.

Der innere Rückzug war für mich nicht so, dass ich keine Freunde hatte, oder nicht irgendwo teilnahm, ich ließ niemanden emotional an mich heran. Wenige Menschen fanden meinen inneren Schalter, aber nicht alle konnten ihn vollständig umlegen.





Ängste vor Veränderungen

Manchmal, wenn ich über Veränderungen nachdenke und wissend dass man sich im Laufe immer wieder verändert, habe ich Angst dass wir uns voneinander entfernen könnten. Der Mensch der ich heute bin,  entfernt sich immer mehr von dem Menschen der ich mit 20, oder 30 war und ich entferne mich immer weiter Jahr für Jahr. Ich lerne mich und dich immer besser zu verstehen, ich mag immer wieder andere Musik, neue Musik, ich lese andere Bücher, ich habe andere Erwartungen und an mich an andere.

Und manchmal habe ich Angst dich zu verlieren, oder dass du mich verlieren könntest. Manche Veränderungen sind gut, sind schön, wie Musik der man nicht große Bedeutung schenkte, zur Lieblingsmusik wird, ein Lied das magisch wird, wenn man an jemanden denkt den man liebt. Essen was man nicht mochte und nicht gegesssen hat, wird zum Liebelingsessen, weil der Mensch den man liebt es sehr gerne ißt. 

Man weiß, dass irgendwann alles endet. Und manchmal habe ich Angst, dass dein Lächeln, meinen Herzschlag nicht mehr beruhigen könnte. Dass deine Küsse meine Leidenschaft nicht anregen würden.

Ich habe Angst, dass deine Gedanken mich nicht mehr finden würden und ich würde dich nicht mehr in den Schlaf begegleiten, nicht die Muse deiner Träume mehr sein und du würdest nicht mehr mit dem ersten Gedanken an mich aufwachen.

Ich würde dich nicht mehr ansehen, wir würden nicht mehr gemeinsam fliegen und kleine Tode sterben. Ich habe Angst vor den Tränen in meinen Augen, die wie ein Fluss über die Wangen rinnen und meine Mundwinkel als Delta aussuchen.

Und ich würde dein Herzschlag nicht mehr hören und du meinen auch nicht mehr.

Man verändert sich gemeinsam und lernt die gleichen Lektionen, aber manchmal bleibt einer stehen und entwickelt sich nicht weiter, oder man verändert sich gemeinsam und lernen trotzdem unterschiedliche Lektionen.

Davor habe ich manchmal Angst - vor den unvorhersehbaren Veränderungen.

Doch heute suche ich deinen Blick und sage dir: ich liebe dich. Nur das Heute zählt. Nur das Jetzt zählt und ich in jedem Augenblick, in allen wunderbaren Gesten, in allen kleinen und großen Dingen, in allen kleinen Wundern. Und jetzt liebe ich dich.




Väter.

"Hier wird erst am 20. Juni Vatertag (Fête des Pères) gefeiert," musste ich heute meiner großen Nichte Fabienne erklären. "Heute ist nur Christi Himmelfahrt (Ascension)."
Sie atmete erleichtert auf. Die letzten zwei Jahre mit ihrem Vater waren mehr traurig als schön und für ein Kind auch sehr belastend. Sie vergötterten ihn und für ihn waren die Mädels sein Ein und Alles. Er lebte nur noch für sie. Fabian hatte eine sehr verspielte Natur. Er erklärte ihnen die Welt spielend.
Sie durften bei ihm alles. Süssigkeiten bis zum Bauchweh verputzen, spielen bis fast Mitternacht. Feiertage waren für ihn wie im Märchen. Er tobte sich aus, das Haus zu schmücken, den Garten auf den Kopf zu stellen. Und er konnte kochen. Salate machen, grillen. 
Die Mädels vermissen das und fragen wieso ich vor Feiertagen nicht das Haus schmücke. Ich mag das nicht. Was in die Natur gehört gehört dahin. Und das alles mit Plastik und Glas und Papier aufzupeppen liegt mir nicht. 

Sie freuen sich heute auf das Grillfest hinten im Garten. René ist auch ein Grillmeister. Heuer können wir noch keine großen Ausflüge (länger als 10 km) machen und an Christi Himmelfahrt bleibt man eh daheim, da alle Feste und Prozessionen abgesagt sind.

Zumindest gibt es Unwetterwarnung. Noch regnet es nicht. 

Väter.

Mein Vater obwohl er altersgemäß fast unser Opa hätte sein können, hat uns liebgewonnen als wir krabbeln lernten. Dann knuddelte er uns immer bis Maman das Essen fertig hatte, oder er sang mit uns. René und er hatten ein wunderbares Vater-Sohn-Sein. Er ist ja auch fast 6 Jahre älter als wir. Mein Vater liebte es uns zu zeigen. Er nahm uns mit auf die Baustelle, zu Kunden, zum Einkaufen. Er kaufte mir jede Menge Kleidchen. Ich wuchs nicht so schnell, so dass ich lange davon etwas hatte.
Seine Aggression richtete sich nur gegen meine Maman und nie gegen uns. Ich versuche es immer noch zu trennen. Was zwischen den Eltern ist, hat die Kinder nichts anzugehen. Ich sehe es doch nicht ganz differenziert. Wir saßen zwischen den Fronten. Und das Schlimmste was man ein Kind fragen kann: "Bei wem willst du bleiben, bei Mama oder Papa?"

Papá verliebte sich abgöttisch in meine Maman und für ihn waren wir "seine" Kinder. Vatersein war bei ihm angeboren. Er machte alle Phasen der Kindheit und Pubertät mit uns durch, als wäre es führ ihn nur schlechtes Wetter. René war der Denker. Der Rationale. Mit der Zeit wurden Papá und Rene erst gute Freunde.  Fabian war der ruhige. Er hatte irgendwie alle lieb, weil alle lieb zu ihm waren, Und der harmonische, da er immer seine Ruhe zum basteln und "experimentieren" brauchte und sich zurückzog.  Und ich war der Wirbelwind. Und ich war zornig wie mein Vater, kontrollierte alles um mich herum wie er. Ich war nicht schön und passend und mädchenhaft angezogen. Ich musste immer alles besser wissen und können als die Jungs. 
"Gott, du bist schlimmer als beide Jungs zusammen!" tadelte Papá immer. Obwohl ich viel kleiner war als die Jungs, ich stellte mich vor sie und raufte mit ihnen. Sie wehrten sich, aber schlugen nicht zurück.
"Hier hört bei mir die Toleranz auf." schrie Papá. Er duldete keinen Streit.
Dafür war ich mit Fabian immer wie Hund und Katze.

Opa - ich vermisse ihn schrecklich, wenn ich über ihn spreche. Er war der schlankeste, magerste Mann den ich je gesehen habe. Er hatte aber Kraft wie ein Riese. Und er konnte rennen. Wenn Vieh ausbüchste, rannte er hinterher und fing es ein, oder trieb es zurück. Er kletterte auf Bäumen um das letzte Stcück Obst zu erreichen. 
Er war immer lustig und sehr wortgewandt. Er war ebenso nachdenklich und still. Für niemanden hatte er ein böses Wort.

Lars als Vater. 
Er ist ein ruhiger Mensch und diese Ruhe überträgt er auf Zoé und Nils. Für Noelle findet er immer die richtigen Worte wenn sie traurig ist.
Er ist ein praktischer Mensch im Alltag und er gibt den Mädels Aufgaben. Er erzieht sie zur Selbstständigkeit.

René ist der Macher, der Sager. Sensitive Menschen kann er verbal vergraulen. Er ist in Partnerschaften wie zu seinen Kindern - passt es nicht - hier ist die Tür.
Was in ihm vorgeht, weiss nur er.

Er kann verbal gut austeilen. 

Ich hatte mich dezent mit meinem Lieblingsparfüm(Davidoff azurblau) besprüht.
"Was stinkt so abartig an dir? Stinkt von zehn Kilometer.! wertete er ab.
"Habe zwei Tropfen davon aufs Handgelenk gesprüht. Es riecht gut."
"Hm...stinkt trotzdem."
Dann war das Thema erledigt. Zu den Mädels ist er ebenso pragmatisch, aber sie lieben ihn und rennen ihm hinterher, weil er lustig ist.







Nebenwirkungen I

 Am  Freitag wurde ich geipft. Am Samstag, knapp nach Mittagsstunde, machte ich mich auf den Weg zum Einkaufen. Gewürze, Meersalz, Kaffeebohnen, Badeartikel und andere Kleinigkeiten.

Ich brauchte eine Ruhepause. Ein Espresso würde meine aufkommende Müdigkeit verfliegen lassen.
Pustekuchen.
Ich legte mich auf die Couch und stöberte in meinem Kindle-Reader-App auf meinem Handy.
Ich habe jede Menge ungelesene E-Books. "Ich muss mehr lesen," dachte ich und entschied mich für 
"Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owe.
Habe die ersten Seiten gelesen und stellte fest: es liest sich gut und spannend. ich las weiter, las weiter, las zurück....die selbe Phrase...."da war ich doch schon....wo ist mein Handy?....scheiße, ich bin eingenickt.....den selben Satz noch einmal wiederholen.....da war ich schon...." und versank im Schlaf.
Ich fühlte mich hochgehoben, getragen... jemand küsst mich....jemand flüstert.....Worte.... ich wehrte mich mit schlaffen Händen und Füßen.....wohin trägt man mich......dann liege ich weich gebettet.....zugedeckt.... über was klettere ich...Grenze....Worte ....Flüstern.....eine Decke...ich öffnete die Augen....Lars.
"Ich bin eingeschlafen!" schreckte ich hoch. Ich lag quer auf dem Bett, die Füße auf ihm. Ich wollte mich drehen. Pustekuchen. Jeder Muskel schmerzte. Ich hatte Wadenkrämpfe, wie beim Marathon. 

"Du hast die letzten Tage nicht gut geschlafen....dein Körper...." und schon war ich wieder im Schlaf versunken.

00:35 ich mache die Augen auf und es ist dunkel und 34 Minuten des neuen Tages sind schon vorbei.
Lars schläft leicht neben mir....ich drehe mich und er wird wach.
"Ich muss ins Bad" sagte ich immer noch schläfrig und meine Stimme ist kratzig.....Ich hüpfe aus dem Bett, wollte in meine Hauspuschen schlüpfen und ich hatte einen Muskelkater wie nach einem Marathon.
2009 war das - hat die Uni einen Spendenlauf veranstaltet um Gelder zu sammeln für Menschen mit Muskoviszidose.
Ich rief Maman an und erzählte ihr, dass ich mitmache.
Sie gab sich Mühe mir dieses "Abenteuer" auszureden. 
"Tatsächlich machst mit?" rief sie mich an. Und am Abend zuvor stand sie vor der Tür meiner Studentenwohnung.
"Ich feuere dich nur an!" Aber die Sorge und Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.
Und ich rannte für sie, ich rannte um zu gewinnen. Ich rannte weil ich zeigen wollte, dass ich alles tun kann mit einer bikuspiden Herzklappe.
Kollegen setzten auf mich und eine Freundin, Kommillitonen ebenso und Maman erst recht, weil sie stolz sein wollte auf mich.
Mein Vater meinte zu Maman: "Die ist verrückt wie du. Lass sie sich die Seele aus dem Leib rennen. Sie ist erwachsen genug um zu entscheiden."
Ich rannte wirklich so gut ich konnte, stolperte einmal und schürfte mein Knie auf. Ich humpelte und rannte und kam als 11. ins Ziel.
Dann setzte ich mich ins Gras. Kurzatmig, verweint, dreckig und mit blutigem Knie.
Jemand meinte ich sollte mich nicht setzen sondern langsam gehen und viel trinken. Meine Nase blutete, an meinem Knie lief noch ein kleines rotes Rinnsal das Schinbein herunter und das Allerpeinlichste war, meine kurze Hose war ebenso blutig. Meine Mensis setzte ein, da mein Körper gestresst war. Ich saß da wie ein blutiges Elend. 
Meine Maman brachte mich nach Hause und ich war fast vier Tage außer Gefecht. 
Ich habe gewonnen und ich mit nicht wenig Geld helfen können. 

So fühlte ich mich jetzt nach der Covid19 Impfung.
"Mich hat ein Wolf gefressen und ausgespuckt," murmelte ich und kroch ins Bad. Beim Pipimachen einzuschlafen ist so entwürdigend.
Ich schlich zurück ins Bett.
"Ich wollte schon ins Bad kommen, dachte du seist eingeschlafen," sagte Lars.
"Nicht lustig," murmelte ich. Und weg war ich wieder.
Um 07:25 wachte ich auf und hüpfte aus dem Nest. ich hüpfte weil ich sehen wollte ob ich nicht gelähmt bin. Ich war wach und richtig gestärkt und ich konnte rennen.
"Du hast leicht geschnarcht." sagte er lächelnd.
"Auch das noch, Wie peinlich!" dachte ich. "Ja und? Habe ich auch im Schlaf gefurzt? Du hast meinen Schlaf beobachtet?" fragte ich verwundert.
"Nun ja, ungewohnt dass du eine Schlafmütze bist."

Nicht einmal nach Zoé 48 h Wehenmarathon habe ich mich so zerkaut gefühlt....so hilflos....so gelähmt...
Aber nun geht es mir gut. Mein Arm schmerzt etwas, so wie nach einer Tetanusimpfung. 
Vor der zweiten Impfung habe ich Heidenangst.......und diese ist Ende Juni. Lars hatte, außer leichte Schmerzen an der Einstichstelle,  gar keine Nebenwirkungen. 
Ab Montag haben wir beide Urlaub. Da kann ich doch ein weniger kürzer treten.




Mütter

 In Frankreich wird offiziel erst am 30. Mai Muttertag gefeiert.

Wenn ich sehr weit zurückdenke hatte und habe ich viele Mütter.

Mein Oma - die Mutter meines Vaters, war schon alt als ich sie kennenlernte. Wir besuchten sie nur an Feiertagen, weil mein Vater an Feiertagen seine Mutter besuchte. Mein Opa, den Vater meines Vaters lebte schon nicht mehr. Großmutter die nie Oma genannt werden wollte, Jahrgang1926) und die uns immer ermahnte "Großmutter muss man sagen." war eine rationale Frau. Sie lächelte wenn sie uns begrüßte und wenn wir uns nach einer oder zwei Stunden verabschiedeten lächelte sie erneut. Dazwischen lächelte sie wenn wir besonders brav waren. Und dann gab es Schokolade, oder eine Orange und wenn sie gut gelaunt war, gabe es Geld. Sie hatte bei ihrem Sohn immer noch das Sagen und er hörte auf sie wie ein dressierter Hund.

Die Frauen in seinem Leben waren für sie nur die Erzieherinnen seiner Kinder.  seine erste Frau war schlampig, meine Maman eine kränkelnde Modepuppe.  Für uns Kinder hieß es stillsitzen und nichts anfassen, nichts dreckig machen. Fragen und bitten, wenn wir etwas brauchen und schön artig Danke sagen.

Sie war eine Hausfrau die ihren Haushalt beherrschte. Man konnte "vom Boden essen," so perfekt war alles. Als ich einmal an den Tisch ging und ein Mürbeteighörnchen vom Teller nahm, nahm sie es mir aus der Hand, schlug mir mit ihrer schweren Hand auf meine kleine 5jährige Hand. Ich war so erschrocken, dass ich nicht einmal weinen konnte und alle Tränen wie ein Ball in meinem Hals steckten und der Ball mich nicht atmen ließ.

Vater erhob sich, nahm unsere Jacken und Schuhe aus dem Flur, zog uns an und sagte zu Maman, "komm lass uns gehen."

"Erst wenn du krepiert bist, komme ich her." sagte mein Vater laut und seine Stimme hallte im Flur und in meinen Ohren.

Von ihr habe ich dieses Faible "Kontrolle" . Ein Mann sollte stark genug sein, um gegenzusteuern.

Als Maman und ich dann zu ihrer Familie zogen, hatte ich Omi. Und Omi war mir und meinen Brüdern Mama und Omi zugleich.

Von der Treppe sprang ich Omi in die Arme und irgendwann sagte sie lachend: "ich kann dich jetzt kaum noch halten. Du bist aber schnell groß geworden."

Wir bekamen auch mal einen Klaps mit dem Geschirrhandtuch auf den Hintern und wir lachten anschließend und gingen noch einmal hin um uns den liebevollen Klaps abzuholen,

Ich fand sie irgendwie lustig wie sich lächelte und lachte, wie sie sich mit Opa spielerisch zankte.

Unter anderem muss ich daran denken wie Oma in der Küche Brotteig machte und alles für das Schweineschlachten vorbereitete und Opa dringend  anch Draußen zum Rauchen wollte. 

"Darf ich jetzt endlich eine rauchen? Du brauchst mich doch jetzt nicht mehr hier." und Oma antwortete, "die Raucherei bringt dich noch ins Grab und du stinkst wie ein Rauchfang(Schornstein). Ich brauche dich immer hier. Aber geh...aber nur eine." Ich habe es heute immer noch vor Augen wie Opa rausrannte sich hinters Haus stellte und wie ein Schornstein qualmte. Opa hatte einen vernarbten Lungenflügel. 

Von ihr habe ich das Spielerische, die Kreativität und diese Liebe sie alles überwinden kann, wenn sie will.

Ich hatte Bäsle Lene, eine alte Frau die zusammen mit ihrem Mann Opa nach dem Krieg wie ein Sohn aufgenommen haben und ihm den Hof vererbt haben. Sie Starb als ich 12 Jahre alt war.

Abgesehen davon, dass wir von ihr immer Gebäck und Bonbons bekamen und wenn sie mal kein Gebäck hatte, bestrich sie zwei Kekse mit Marmelade, klebte sie zusammen und gab sie uns. es waren die besten Kekse die ich je gegessen habe. Oftmals mache ich Marmeladekekse für die Mädels und Zoé. Zoé leckt die Marmelade von den Keksen und lässt die Kekse einfach irgendwo  liegen.

Als Omi in der Sommerküche vergessen hatte den Herd auszuschalten und die Sommerküche vom Dach bis zum Keller ausbrannte, rannten wir Kinder vor Angst über den Hof und versteckten uns bei Bäsle auf der Terasse. Sie kam im  blumigen Nachthemd und  milchkaffeefarbenen Bademantel und ihren  viel zu großen Hausschuhen raus und rief entsetzt "es brennt" und dann entdeckte sie uns.

Wir Zwillinge in Pyjama und barfuß  kauerten in der Ecke und sie entdeckte uns.

"Rein mit euch unter meine Federdecke! Später waschen wir die Füße!" Sie machte uns Pfefferminztee mit Honig und weißem Kandyzucker, den sie wie Bonbons lutschte und machte uns Butterbrot mit geräucherten Hauswurst. Und für alle, die ganze Familie kochte sie rote Kartoffelsuppe mit Wurst.

Von ihr habe ich die Hilfsbereitschaft. 

Ich hatte Maman, die immer Herz und Ohr für uns war und uns durchs Leben geführt hat. Sie hatte viel Humor, sie lachte viel und ebenso sorgte sie sich viel um alle und alles. Sie hatte bestimmt hunderte Augen und Hände und Füße und war unermüdlich....und sie war musisch, naturverbunden und ich denke eine liebevolle Partnerin für Papá.

Sie arbeitete unermüdlich und trotzdem war sie um uns herum wie eine beschützende Glucke. Wenn sie und ich in die Stadt fuhren, sahen ihr die Männer hinterher. Trotz Dyalyse war sie eine atraktive warmherzige Frau. Sie war durch und durch Frau. 

Sie wollte nur eines: wir sollen nach Hause kommen und dass wir glücklich sind. Sie wollte immer ihre Kinder um sich haben.

Sie hat mir gezeigt wie es geht Job, Kinder und Hausarbeit unter einen Hut zu bekommen. Schnell, praktisch, kontrolliert.

Tante Johanna war meine Patentante und die älteste Tochter von Omi. Sie war viel um mich herum, nähte meine Kinderkleidchen, strickte Mützen und Jacken für mich. Ich war ihr "Maidle"(Mädchen)

Omi Elke habe ich jetzt. Ich vergesse nie wie sie mich empfangen hat als ich meinen Vater zum ersten Mal besuchte: mit einem Kuss auf die Stirn und eine ganz feste Umarmung.

Omi Elke habe ich jetzt um mich herum. Sie musste wieder zu sich finden und langsam findet sie sich selbst wieder. Sie ist mir eine Freundin. Mir ihr rede ich über Vieles, Nicht über alles. Das kann man mit Müttern nicht.

Tante Emma(Emilie) habe ich auch um mich. Sie ist ebenso meine Patentante. Sie ist die modernere, mutigere und robustere unter den Schwestern. Sie hatte nie Kinder und ist so gar keine Mutterfigur, aber sie hat so viel Liebe in sich und sie ist nun meine Mama. 

Sie bringt mich zum Lachen und hat einen Pragmatismus den nicht jeder mag. Sie ist der liebevolle Feldwebel, die Organisatorin, die Politikerin und die Waschfrau. Man sagt ihr etwas und alle wissen es im nächsten Moment. Sie hat auch überall ihre Augen und Nase. Und sie kann schlimmer fluchen als ein Seemann. 

Und nun bin ich auch Mama, Tante, Patentante und Freundin zugleich. 

"Du bist wirklich wie ein Lausbub" scherzt Lars. "Du bist ein Wirbelwind."

Manchmal habe ich das Gefühl, ich verpasse etwas in der Entwicklung der Kinder. Zoé rannte eines Tages auf mich zu, aber ich habe den ersten Schritt verpasst, wie sie ein Füsschen vor das andere setzte und mit balancierenden Ärmchen losrannte. Bei mir rannte sie schon so gut, als hätte sie es schon immer gekonnt.

Bei mir lachte Nils viel später als bei allen anderen. 

Seit Generationen verpassen Mütter der einen oder anderen Schritt, oder das eine oder andere Lächeln.