Angekommen

Wir kamen erst gestern am späten Abend von einer Fortbildung zurück. Wir sind noch gestern am späten Nachmittag nach Hause gefahren. Zu Hause angekommen regnete es. Der Regen war immer noch etwas sommerlauwarm und weich. Die Natur nimmt auf ihre Art Abschied vom Sommer. 

Wir brachten unser Gepäck so leise wir konnten ins Haus. Es war schon nach 23:00 Uhr und wir wollten die Mädels und Nils nicht wecken. 

Tante hatte für uns eine Lasagne und Suppe vorbereitet. Tante's liebevolle ruppige Art ist etwas Besonderes, etwas Feines. Sie sagt dir genau was sie denkt. Dieses akute Denken habe ich auch, aber ich kann mich auch zurücknehmen, wenn es angebracht ist. Nur wenige Menschen die mir sehr nahe stehen, kennen meine wilde Natur.

Lars hat urplötzlich der große Hunger gepackt. Wie zärtlich er "Selbstgemachtes Essen" ausspricht. Dass ich alles selbst koche, die Gewürze selbst mixe und alles chemische ablehne fasziniert ihn. 

Wenn ich das Essen zubereite,  steht er meistens hinter mir und sieht mir zu, wie ich hantiere, wie ich das Essen mit den Gewürzen abschmecke, wie ich es anrichte. Obwohl er im OP sehr geschickt und sehr feinmotorisch, haargenau und haarfein arbeitet,  bei mir in der Küche hat er kein Mitspracherecht. Die Küche ist mein Territorium.  Er genießt lieber und kostet und kostet, als dass er vorher noch die Zutaten zurechtschneiden oder sogar garen muss. Wenn es darauf ankäme, konnte er schon einiges auf den Teller zaubern, so ist es nicht. Wenn er es nicht muss, wieso sollte er es tun?

Ich habe so spät am Abend keinen Hunger, aber dem Lasagneduft konnte ich nicht widerstehen. 

Überraschend kam die Zusage für die Fortbildung. Man muss ja mit der Zeit gehen und sich neue OP-Methoden aneignen. Wir haben einen neuen OP und der hat sehr viel Geld gekostet, also muss es voll ausgelastet werden. Wir haben einen neuen Unfallchirurgen und zwei OP-Assistentinnen eingestellt, die unser Team ergänzen. Sie werden ab dem 15. Oktober ihren Dienst bei uns beginnen. Dann sind alle ein bisschen entlastet. 

Ich hatte die letzten Wochen kaum Zeit noch Sinn zum Schreiben. Wärend der Fortbildung mit Lars ausschließlich wie ein Liebespaar zu verbringen tat uns gut. Die Abende waren wunderschönliebevoll. 

Aber, - mein überdimensionales Aber: ich war nicht zu Hause. mein zu Hause ist mit Sehnsucht, mit Liebe, mit Erwartung und Hoffnung durchwachsen. Und nur da fühle ich mich unbewusst wohl. 

Nun bin ich wieder zu Hause. Auch wenn Lars sagt er sei es auch - irgendwie fremdelt er ein bisschen, habe ich den Eindruck. Oder täuscht mich mein Gefühl und er lässt mir nur sprachlich den Vortritt. Er verneint es immer wieder. 

Als ich aus dem Auto stieg sog ich die milde Nachtluft ein und ich fühlte wie meine Lungen sich durstig weiteten. Es duftet nach Herbst, nach taunassem Gras. Die dunkelgrauen Wolken am Nachthimmel beeilten sich die letzte Lichtfaser des Tages zu verschlingen. Wolkenzüge fuhren aneinander vorbei. Und der Mond zeigte sich schüchtern dahinter. Er scheint sich zu runden. In den nächsten Tagen sollte er voll sein.

Keine Ahnung. Der Vollmond hat keinen Einfluss auf mein Gefühlsempfinden, sowie meine Mensis keinen Einfluss auf meine Launen hat. Ammensagen und nichts weiter. 

"Ich hoffe du kannst wieder besser schlafen," sagte Lars als ich mich in unser Bett fallen ließ. Er hatte sich von Dienstag- bis Donnerstagmorgen darüber beschwert, ich hätte sehr unruhig geschlafen und mich immer wieder quergelegt. Ich habe ncht viel geschlafen. Ich drehte mich im Schlaf von einer Seite auf die andere. Ich habe diesen Holzschlaf nicht. Er hingegen schläft ruhig, ab und zu röchelt er leise. Meistens nur wenn er etwas erkältet ist.

Ich musste lachen, da ich mich an unsere ersten gemeinsamen Nächte erinnerte - ich strampelte die Decke vom Bett, legte mich quer. Wenn mir kalt wurde, suchte ich nach der Decke und zog sie vom Boden hoch. Mir war es peinlich so unruhig zu schlafen. man schläft nackt in jemandens Armen ein und im Schlaf wandert man nackt quer über das Bett. Er lächelte darüber und ich konnte ihn nicht einmal ansehen vor Scham.

Und tatsächlich fiel ich in einen traumlosen Tiefschlaf. Erst als der Handywecker sich um 7:00 Uhr  meldete, fuhr ich hoch und ich brauchte ein paar Sekunden um zu realisieren, dass ich in unserem Bett bin.

Lars war unten in der Küche und fütterte Kater Maurice und unser alterndes Teufelchen das immer nich sehr robust überall herumklettert.

"Maurice ist wieder herumgerannt, als würde er verhungern und unser Hund Bobby wollte raus." sagte Lars. "Ich wollte dich schlafen lassen." Tatsächlich schlief ich tief und fest wie ein Murmeltier. Ich habe selten so einen Tiefschlaf, dass ich um mich herum nichts wahrnehme. Das wenige was er von einem Hasky in seinen Genen hat ist das Heulen. Er bellt nicht, er singt heulend. Labradorkopf, Retrieverkörperbau, Haskyohren und Haskybellen. Er ist aber sehr kinderlieb.  Er verbeisst sich aber in Küken und alles was fiept. Man kann ihn nicht in den Geflügelhof lassen. 

Bevor wir zusammen die Kinder abholen trinken wir noch einen Zauberkaffee mit viel Milchschaum und Zimt und Kakao. Wie ich den vermisst habe......





Die erste Tochter

 Oma war für ein paar Jahre allein mit ihrer ersten Tochter.  - Alleinerziehend - würde man es heute nennen. 

Nur kurz weiche ich ab weil ein Blitzgedanke unbedingt niedergeschrieben werden wollte. "Setze das Wort nicht in Anführungszeichen, du wertest es ab." sagte mein Vater immer wenn ich mit den Fingen die Anführungszeichen ahmte.

Ich werte es nicht ab. Oma hatte zehn Jahre lang allein für ihr kleines Mädchen und sich allein sorgen müssen, dass sie etwas zu essen, zu anziehen und ein Paar Schuhe hatten. 

Erst dann schrieb ihr Opa, dass er sich hier etwas Feld erwerben konnte und gerade ein kleines Haus umbaut und er sich hier sehr wohl fühle. Sie möge doch hierher ziehen. Oma erzählte das immer wieder, so voller Emotionen, so voller Liebe, dass Opa ihr ganz gerührt in die Augen sah. Das ist Liebe, sagt man. Es waren andere Zeiten. Man blieb zusammen und versuchte das Beste daraus zu machen.

Mir würde das nicht gelingen. Das weiss ich. Liebe ist für mich endlich. Man entfremdet sich doch nach so einer langen Zeit. Ich würde da nicht anknüpfen wollen. Ich hätte da Fragen über Fragen.

Trotz aller Fürsorge und Liebe, die verlorenen Jahre konnte Opa mit seiner ersten Tochter nicht mehr aufholen. 10 Jahre lang hat man ihrcerzählt, er wäre gefallen. Oma und Opa bekamen noch zwei Töchter.  In den 70ern rannte die erste Tochter über Nacht von zu Hause weg, verschlug sich in der Bretagne und verliebte sich irgendwann in meinen Onkel. Erst mein Onkel konnte sie überreden ihre Eltern und Schwestern zu besuchen. Maman und sie hatten eine besondere starke Bindung zueinander.

Mit etwas Geld von Oma und Opa und mit viel Arbeit, haben sie sich eine kleine Pension gekauft, bauten sie um sicherten damit ihren Lebensunterhalt.

Als Tante Hanna(Johanna) gesundheitlich sehr angeschlagen, schaffte es Onkel nicht mehr alles allein zu bewältigen. Sie verkaufte die Pension und behielten nur das anliegende Haus. Als Tante Hanna ca 3 Jahre nach Maman starb, hinterließ sie meinen Onkel traurig zurück. Er kann es sich bis heute nicht vorstellen hier vom Meer wegzuziehen. Das Haus mit den kirschroten Fensterläden, ein Chaumière, wie man hier die Sandsteinhäuser mit den meist bunten Fensterläden nennt,  ist alt, das ganze Gebälk knackst bei jedem Schritt. Aber es hat seinen alten Charme. Nur wirkt dieser  Charm sehr morbide. Nichts hat sich im Laufe der Zeit verändert. Seit der Beerdigung waren wir nicht mehr hier. Sein Sohn, der 9 Jahre älter ist als ich, lebt mit seiner Freundin nahe Paris und scheint viel zu beschäftigt zu sein, um seinen Vater regelmäßig zu besuchen.

Der Eingang zum Haus ist mit verblühten Hortensien und Seegras zugewuchert. Hanna`s Hortensien. Sie würde Onkel zu Boden schreien, wegen der Wildnis. Verwittert und verwildert.

"Heb die Füße an, sonst fällst du wieder über die Türschwelle!" lachte er. Die Bretonen habe ihre eigene Sprache die mit der Französischen gar nicht artverwandt ist. Er bemüht sich für uns ein feines Hochfranzösisch zu sprechen und verfällt ab und zu in die vielen ch seiner Sprache.

Ich lachte mit. Jedes Mal stolperte ich über die taubenblau lackierte Schwelle. Heute wäre ich bestimmt auch über die Schwelle geflogen.

Wie ich diese Lampe im Flur liebe. Eine Art Sturmlampe, eine Imitation mit warm gedämpften elektrischem Licht. 

Onkel sieht alt aus. Seine Haare sind fast weiß und seine Augen zeigten deutlich ihren Mangel an Schlaf. Er drückte mich so fest an sich, als wären wir alte Freunde.

Ein erfrischender Duft, ein Amalgam aus Seegras, reifen Feigen und Oleander strömte durch das offene Fenster.

Im Haus ist es so sauber, dass man vom Boden essen könnte. 

Wir haben eine Woche mit Onkel Jean, seinen melancholischen und lebendigen Humor zugleich genießen dürfen. und die Küche.....ich habe noch nie Fisch gegessen, geschweige denn Meeresfrüchte, aber er hat mich gelehrt auf was ich achten muss, wenn ich Fisch kaufe und zubereite.

Er hat uns seinen Freunden und Nachbarn vorgestellt und sie waren alle so herzlich zu uns.

Am Freitag Abend saßen wir beim Soirée mit Onkel und er trank nur Schnaps. Ich kannte diese Seite an ihm nicht. Da sagte er zu Fabienne: "Such dir den Mann fürs Leben gut aus. Es gibt drei Kategorien Männer. Die einen wollen dich besitzen, sind egoistisch und rechthaberisch. die zweiten sind lieb, die kannst du heiraten. Die sehen nur dich und sonst niemanden. Nicht einmal sich selbst. Und dann auf einmal wird es ihnen langweilig mit dir, weil sie nur dich angesehen haben. dann hören sie auf zu leben, sie vegetieren neben dir her. Und die dritten sind die für die du lebst, mit denen alles Sinn macht. Du liebst sie und sie lieben dich. Du stehst auf um sie zu lieben, du lebst um sie zu lieben und du bist deren Lebensinhalt und sie deinen. Für so einen lässt du alles liegen und stehen."

Er sah mich an und sagte: "Für deine Tante Hanna hätte ich alles hier liegen lassen und wäre mit ihr überall hingezogen, aber sie wollte hier am Meer bleiben." er schniefte. "Es ist so schade, dass wir so weit auseinander leben, dass wir uns so selten besuchen kommen."

"Aber ja! Du bist Rentner Onkel Jean, du kannst uns immer besuchen. Wir holen dich auch gerne ab, wenn du nicht mehr weit fahren kannst."

Am Samstag Morgen als wir uns verabschiedeten sagte er, was ich dachte, der Schnaps hätte es ihm vernebelt: "Zu Weihnachten, so Gott will, holt ihr mich ab, damit wir noch etwas von uns haben. Wie die Zeit vergeht......kommt gut und gesund heim"

Ich fragte mich oft, wieso Tante alles hinter sich ließ und von einem Tag auf den anderen weg zog ohne sich zu verabschieden? Waren Opa und Oma daran schuld, da sie sich mehr um Maman drehten, um das Nesthäkchen? Waren es die Freunde, die sie überredeteten?  Oder rannte sie von ihrem Zukünftigen weg? Man sprach nie darüber. Sie hatte einen Freund, hatte ihre eigene Wohnung, Oma und Opa bezahlten ihr Studium, sie konnte tun und lassen was sie wollte. Sie rannte mit ein paar Freunden weg. Meine andere Tante meinte, es war damals so, dass die Kinder "die Jungen" es sehr eilig hatten in die Großstadt zu ziehen, weil sie bessere Möglichkeiten hatten sich beruflich zu verwirklichen. Wenige blieben zurück zum das Landleben aufrecht zu halten. Heute ist es wieder andersrum. Viele kommen zurück, kaufen Feld und bauen wieder Häuser. Sie wollen das Landleben für die Kinder, sie gründen wieder das eine oder andere Unternehmen. Sie haben den Stress und das Stadtleben satt.

Sie liebte mich abgöttisch, da ich das einzige Mädchen unter allen Kindern bin. Sie nähte für mich Kleider und Bettwäsche, sie strickte für mich Mützen und Sweater und ich durfte jede Ferien bei ihr verbringen. 

Als ich wegzog, habe ich ihr das Herz gebrochen. Sie war so verletzt, dass ihr "einziges Mädchen" sie verlassen hatte. Sie war so wütend auf Fabian, dass sie sogar fähig war zu sagen. "trete mir nicht mehr unter die Augen." 

Als ich dann noch Hals über Kopf heiratete, obwohl ich in meinen Gefühlen, in meiner Liebe so unsicher war wie noch nie und blind alles übersehen hatte, meine Unreife, seine Unreife, seine Unselbstständigleit und meinen Zweifel, war ich für sie eine ganze Enttäuschung. Wir enfremdeten uns immer mehr voneinander. Ihre Söhne zogen dann auch noch weg.Es verschlug beide nach Paris zum Studium und sie blieben dann einfach dort. Mein Onkel schaffte es nicht alle zu ersetzen, ihr Vermissen zu stillen, ihre Wut abzuschalten.

Bevor wir abgereist sind waren wir noch auf dem Friedhof an Tante's Grab. Ich habe Angst vor Friedhöfen, aber der Friedhof sah gar nicht wie ein Friedhof aus. Er sah aus wie ein riesenroßes Laken aus weißen und grauen Kies. Die Wege, die Gräber waren mit diesem in der Sonne glitzernden Kies bedeckt. Die Gräber sahen aus wie frisch gemachte Federbetten. Wie Oma's dicke Federbetten in einem kalten Winter. Aus jedem Bett blühte ein Rosenstock heraus. Aus Tante's Kiesfederbettgrab blühte ein ein Rosenstock wunderschön samtigkirschrot. Sie liebte rote Samtrosen. Diese Metamorphose - .....ich verwarf den Gedanken sehr schnell, bevor jemand meine Angst sehen konnte. Als wurde ihre Endlichkeit nur zu Bett gebracht und träumte nur in Rosenform all ihre Träume samtrot - zartwild.


Wir ließen einen traurigen Onkel, einen gebrochenen Mann in seiner Hilflosigkeit zurück. Sein Sohn wird ihm bestimmt einmal im Monat anrufen und er wird ihm fröhlich berichten wie gut es ihm noch ginge.  Ob er an Weihnachten uns besuchen will, das wird sich weisen. Es sei denn seine Freunde schaffen es ihn zu überreden. Sie mögen uns. Sie sind kein "Volk unter sich" sie sind herzlich.

2015 Freundschaftswege trennen sich oft

Ein Kommilitone und ich. Wir saßen in unserem Stammbistro. Es war kein Rendez-vous. Wir waren weder gute Bekannte, noch waren wir Freunde. Wir kannten uns von den Vorlesungen.

Es setzte sich einfach zu mir ohne zu fragen ob er sich zu mir setzen darf und bestellte sich einen Cappuccino und ein Stück Pizza mit Salami und ganz viel Käse. Ich hatte schon einen Espresso, und wollte nur noch mein Sprudel austrinken und gehen. 

"Möchtest du noch etwas trinken?" fragte er. Ich verneinte und sagte ihm dass ich noch das Wasser austrinken und gehen möchte.

Er sah mich an, als würde er mich mit den Augen verschlingen wollen. 

"Du siehst traurig aus." sagte er. "Aber es steht dir gut."

"Ich finde niemand sieht gut aus wenn er traurig ist." erwiderte ich. Ich war gar nicht traurig. Ich wollte nur seine Gesellschaft nicht. Ich wollte nur ein wenig vom Unitag abschalten, bevor ich nach Hause fahrem um da weiter zu lernen. 

Ich musste nach so vieler Flüssigkeit die ich zu mir genommen hatte dringend pinkeln. Ich stand auf und ging auf die Toilette. 

Er kam mir nach. Es war eine Unisex-Toilette.  Diese schienen immer  üblicher zu werden in Cafe`s, Bistro's und auch schon wo anders. Keine gute Idee, aber so sparen die Gastronomien Platz. Er nahm mich in die Arme, drückte mich ganz fest an sich und küsste mich. 

Ich starrte ihn erschrocken an.  Ich fühlte sein Begehren. Ich hatte noch nie Sex auf einer Toilette. 

Einen Augenblicksgedanke löste sich und für einen Augenblick lang wollte ich es tun. Was solls, dachte ich. Ich will es wissen, was bei  einem Toilettenfick so abgeht. Das gehört zu emotionalen und sexuellen Entwicklung dazu, oder nicht? Eine einmalige Sache. Einmalig sein Leben verlassen, ein einziges Mal sich an eine fremde Haut pressen, ein einzges mal fremde Lippen küssen und mit brennender Haut wieder in sein bisheriges Leben zurückzukehren, als wäre nichts geschehen. Soll ich ohne das Wissen sterben wie es ist, sich einmalig in den Blicken des anderen zu spiegeln? 

Im nächsten Augenblick erschrak ich über meinen Augenblicksgedanke. Aber doch nicht mit ihm, den ich nur flüchtig kannte. Ich sah auf seine Hand, auf seine Finger, die ein Komdom hielten. Schlagartig befreite ich mich aus seinen Armen, sah ihn wütend an und rannte weg. Ich wurde auf einmal sehr traurig. Ich hörte manchmal von Freunden, dass sie sich ab und zu einen One-night-stand gönnen. Wieso kann ich so etwas nicht tun, fragte ich mich.

Ich zog meine Jacke von der Stuhllehne, drehte mich mich um und wollte gehen. Er stand hinter mir und sah mich verwundert an.

"Ich dachte du wolltest es auch," flüsterte er.

"Ich wollte dahin um zu pinkeln, du Idiot!" zischte ich ihn an. Ich rannte so schnell ich konnte, rannte um die Ecke wo ich mein Auto geparkt hatte. Er rannte mir nach und entschuldigte sich immer wieder.  Ich stand  kurzatmig und bewegungslos da und konnte nichts sagen.  Völlig übertriebene und bescheuerte Reaktion meinerseits. 

"Atme, hörst du mich?" redete er auf mich ein. "Einatmen, 1,2,3 ausatmen und noch mal.....? 

"Ich weiss, dass du mich zu nichts gezwungen hättest. Es ist....so...ich kenne es so nicht....es hat mich..... ich ....es war etwas peinlich...nebenan macht jemand Pipi .....ein Strahl wie ein Wasserbüffel und wir knutschen.....ist das ekelig nicht abartig ekelig für dich? Du tust so etwas sehr oft nehme ich an, weil deine Hemmschwelle .....du bist abgestumpft."

Meine Premiere....meine Premiere... wie peinlich war das denn, einem Mann nicht gewachsen zu sein, bei all meiner sportlichen Kondition. Die Angst hatte mich gelähmt. Ein Ekelgefühl überwältigte mich. Ich bringe mich nie wieder in so eine Situation.

Ich fühlte mich sooooo erniedrigt und während ich es so leicht abtat,  hätte ich mich am liebsten verkrochen, mich aufgelöst, mich unsichtbar gemacht für jeden Mann.

Am nächsten Tag traf ich ihn in der Vorlesung wieder. Er grüßte mich, als wäre nichts geschehen. Ich grüßte im kopfnickend.
"Sorry nochmal!" sagte er leise
"Welchen Teil hast du nicht verstanden? Wie hätte ich mich ausdrücken sollen? Dass ich aufs Klo gehen wollte hast du nicht verstanden?"
"Ja, direkt." sagte er ganz merkwürdig.
" Hast du sie nicht alle?" sagte ich etwas lauter und huschte an ihm vorbei. Er kam mir nach. Was befürchtete er? Dass ich es herumerzähle. So bescheuert bin ich auch wieder nicht. Er widerte mich an. Als Mensch, als Mann, als alles was ihn verkörperte. "Es war direkter als direkt. Ich wollte pinkeln und gehen. Was ist daran denn indirekt? Vögelst du immer wo du pisst und scheisst?"
"Es fühlte sich wie eine Einladung an." rechtfertigte er sich.
"Pass mal auf, du Idiot. Mag sein, dass ich eine Panikattacke hatte, weil ich mich überrumpelt fühlte, aber jetzt sage ich dir dass dein Verhalten, auch wenn du dich zig mal entschuldigst dich als Mann degradiert."


"Was zum Teufel passiert gerade mit mir?"dachte ich. "Wieso gehe ich allein aus? Anscheinend ist eine Frau Freiwild wenn sie allein unterwegsist oder allein in einem Bistro sitzt. Ich habe mit ihm nicht geflirtet. Ich habe ihm kein Zeichen gegeben mir zu folgen, sondern ich habe meine Zeche bezahlt und wollte gehen. Wieso musste ich überhaupt noch schnell aufs Klo rennen? Auch wenn ich dringend Pipi musste, hätte ich es am besten einhalten sollen Auf fremde Toiletten gehe ich eh nur wenn es sehr dringend ist.

Ich setzte mich auf meinen Platz und folgte der Dozentin. Sie war gut. Sie konnte jede Schlafmütze mitreißen ihr zu folgen.
Ich machte mir Notizen, stellte jede Menge Fragen, deren Antwort ich schon längst kannte.
Als die Vorlesung zu Ende war und es um mich herum lauter wurde, Kommilitonen ihre Sachen zusammenpackten und an mir vorbei gingen, mir grüßten, 
mich anluden mitzukommen, ich dankend ausschlug, fuhr ich nach Hause.

Ich fuhr jeden Tag nach der Vorlesung nach Hause. 
Obwohl er sich entschuldigt hat, wollte ich mit ihm nichts mehr zu tun haben.
Ich lehnte jede Einladung von Freunden ab, ignorierte fast alle Anrufe. 
Ich stritt mich mit Fabian, weil er mich immer wieder mit irgendeinem Kumpel, Freund, Kollegen vekuppeln wollte.
"Du musst loslassen!" beschwörte er mich.
"Ich habe schon längst losgelassen. Ich hatte ihn lange vor der Trennung losgelassen." schrie ich Fabian an. "Ich will nur noch die Scheidung. Ich habe nur keine Lust mich mit dem nächsten Milchbubi zu beschäftigen. Männer sind die neuen Frauen. Sie schwärmen gleich vom heiraten und Kinderkriegen. Und wenn sie nicht jeden Wunsch von den Augen abgelesen bekommen, wird es ihnen schnell langweilig und stürzen sich in Affairen."
"Nicht jeder Mann ist wie er," verteitigte Fabian die Männer. "Und er wollte doch keine Kinder, oder doch?"
"Er wollte keine. Das ist der Punkt. Er hat an meiner Verhütung gezweifelt. Er hat an allem gezweifelt. 
An Allem was er bis anhin nicht kannte. meine Spontanität, meine Wildheit, alles Neue. Sei es ein neues Essen, das er nicht kannte.  Das führte zum Streit. Ich war anders für ihn. Ich war nicht gut für ihn sondern anders. Eine freie Radikale die ihn verändern wollte. Er brauchte jemand die nach seinen nicht veränderbaren Wünschen mit ihm lebt. Ich konnte das nicht. Ich will so etwas nicht. Ich will mich gemeinsam verändern mit dem Menschen den ich liebe und der mich liebt. Was rede ich mit meinem Bruder über mein Eheleben, Sexleben und überhaupt über mein Leben?" schrie ich.
"Ich habe dich nicht aufgefordert. Ich habe dir zugehört. Aber du igelst dich ein. Du verbringst deine ganze Freizeit zu Hause. Andere Frauen in deinem Alter würden jeden Abend ausgehen, sich umsehen, den einen oder anderen Kerl abschleppen oder sich neu verlieben."

"Sollte ich das? Jeden Abend einen Kerl anschleppen?"
"Gott bewahre, nein! Aber dein Leben genießen, indem du mit Freunden etwas unternimmst." sagte er.
"Du meinst mit unseren gemeinsamen Freunden, damit du mich im Auge hast?"
"Du hast kaum eigene Freunde," stellte er fest. "Zumindest kenne ich nur eine und die ist nicht hier in der Stadt."
"Wieso ist es dir so wichtig ob ich Freunde habe oder nicht? Hast du mich gefragt ob ich überhaupt noch welche haben möchte zu den einigen die ich habe? Die Freunde die ich habe reichen mir vollkommen. Ich bin nach dem Dienst und nach den Vorlesungen so ausgelaugt, dass ich gerne allein sein möchte. Ich habe jeden Tag, jede Menge Menschen um mich herum. Noch mehr brauche ich nicht. Aber du brauchst immer welche um dich herum, die dich von deiner eigenen Misere ablenken. schrie cih weiter.
"Du brauchst einen Freund. Einen Lebenspartner. oder willst du nie heiraten, Kinder bekommen? fragte er mich.  "Kannst du aufhören zu schreien. ich will mich mit dir gar nicht streiten. "
"Alles hat seine Zeit. Wieso ist denn Sex so wichtig? Ist er überhaupt der Schlüssel zu Allem? ist er so entscheiden über ein Leben?. Ich rede mit dir über mich. Was zum Teufel ist mit deinem Leben?
Ich mache dir keine Vorwürfe über dein Eheleben, oder über dein intimes Leben. Wer gibt dir das Recht mich danach zu fragen?"
"Ich habe Angst um dich. Du ziehst dich von Allen und von der Welt zurück."
"Weil ich müde bin. Weil ich nicht gemerkt habe, dass meine Ehe zu Ende war, eher sie begonnen hat. Dass ich mich kopfüber verliebt habe und nicht gemerkt habe, dass wir gar keine Gemeinsamkeiten haben. Ich will mich auf eine andere Art in einen Mann verlieben, ihn anders lieben als nur auf purer Sexebene." sagte ich und dann fiel mir eine Frage in den Mund.
"Hattest du schon Sex auf dem Klo? Nicht zu Hause und nicht mit ihr, sondern mit irgendeinem Mädchen?" Gefragt ist gefragt.
"Bitte was?" fragte er erstaunt. "Was soll das jetzt?"
"Was nur eine harmlose Frage." redete ich mich heraus.
Mehr zu sagen traute ich mich nicht, denn er hätte mich regelrecht verhört und nicht locker gelassen, bis er nicht alles darüber wusste.
"Wie kannst du nur dich so gehen lassen? Dich benutzen lassen? schrie er.
"Stopp! schrie ich zurück. "Ich tue es nicht. Ich benutze niemanden und lasse mich nicht benutzen. Ich habe es nur mitbekommen."
Er wurde hellhörig und neugierig und zerquetschte verbal mich fast für jedes Wort.
"Wenn er es bei dir versuchte, tut er es nicht zum ersten und wird es auch nicht zum letzten Mal tun." belehrte er mich. Er fühlte sich für mich verantwortlich und ich habe ihn beunruhigt. "Wenn du Angst hast, solltest du etwas gegen ihn unternehmen." 
Ich unternahm nichts. Ich sah ihn oft in Vorlesungen, irgendwann redeten wir auch wieder miteinander, gingen miteinander ins Bistro, wurden sogar gute Freunde. Ich tanzte mit ihm sogar beim Abschlussball nach dem Facharztexamen. Über das Klodesaster lachten wir. Ich heiratet, rr nahm eine neue Stelle an, zog um und lernte schnell jemanden kennen und wie es so ist, wenn man jemanden kennen lernt, bleibt die Freundschaftsplege auf der Strecke. Er bekam mit dass ich in Scheidung lebte, dass es mit Lars ernst wurde. Manche Freundschaftswege trennen sich oft für immer. Unsere trennten sich für immer.


Ich starrte auf die Photos vom Abschlussball. Wir sahen aus wie veträumte Teenager, obwohl wir uns den 30ern näherten... wir waren noch lange nicht reif  für Beziehungen oder sogar für eine Ehe.  
Ich ging an meinen Kleiderschrank, enthüllte mein Ballkleid und zog es an. 
Es passte wie angegossen. Ich muss heute kein Push up BH mehr darunter tragen wie damals und glätte meine Haare nicht mehr um stylish up date zu wirken. Ich bin erwachsen geworden  natürlicher, habe meinen eigenen Stil. Ziehe gerne Kleider an, Jeans und schminke mich nach wie vor gar nicht.

Wir das Leben einem doch verändert.










Nichts bleibt immer gleich

 Nach einer ganzen Woche Nachtdienst in der Notaufnahme und nach unzähligen Stunden die ich damit verbrachte das Administrative der Praxis zu erledigen, habe ich es mehr als verdient mir ein ruhiges Wochenende zu gönnen. Aber es ist Erntezeit und alle haben ebenso die Hände voll zu tun wie ich. Also vergesse ich schnell meinen Gedanken an ein ruhiges Wochenende.

Heute Morgen fiel ich in mein Bett und schlief ganze fünf Stunden durch. Ich habe mich aus der Haut der Woche, geschält wie Zellen in einer Apoptose. Die Woche schälte sich stückweise von mir ab und ich fühlte dass es bis in die Knochen kribbelte. Wenn es nach meinen Füßen ginge, würden sie noch einen Marathon hinter sich bringen, aber meine Augen und mein ganzer Körper wollten nur noch schlafen.

Ab Montag endlich, haben wir zwei Wochen gemeinsamen Urlaub. Wir fahren am Montag früh für eine Woche ans Meer. Anscheinend hat mein Körper das schon als Seelennährstoff  bis ins Knochenmark gespeichert und entspannte sich. Endlich konnte die Woche hinter mir lassen, die Gedanken an die Praxis abschalten. Nach einem ausgiebigen Bad legte ich in mein Bett und schlief ich auch sofort ein. Die ganze Woche konnte ich nicht richtig abschalten und durchschlafen. Obwohl es hier tagsüber sehr ruhig ist die Mädels und Nils sich bei ihren Omi's aufhalten und ich sie in guten Händen fühle, schlief ich unruhig, wachte ich jast jede Stunde auf, sah immer wieder auf die Uhr. Nachmittags kümmerte ich mich um die Dienstpläne, Materialbestellungen, machte die Unterlagen für die Buchhaltung fertig, damit die Belegschaft ihren Gehalt pünklichst auf dem Konto hat.

Heute Morgen schlief ich in der Badewanne ein. Erst als ich fror, da das Wasser kalt wurde und ich im Schlaf mich zudecken wollte und über meine nassen Hände erschrak, hüpfte ich aus der Badewanne. Ich war schneller im Nest als ich logisch denken konnte und schlief sofort ein. Also war ich müder als ich mich fühlte.

Ich träumte von einem roten Fahrrad. Maman's Fahrrad. Sie hatte sich den Weidenkorb extra anfertigen lassen. Der Rand war wesentlich höher als bei den handelsüblichen Körben. Im Traum sah ich jemanden damit fahren. Ich erkannte nur minimale Körperumrisse. Aber das Fahrrad sah ich sehr deutlich. Rubinfarben leuchtete das Fahrrad im Morgennebel. Wieso dieser Nebel, dachte ich. Wieso rubinfarben? Das Fahrrad ist eher kirschrot mit silberfarbenen Schutzbleche. Ich rannte im Traum hinterher. Wer fährt da, fragte ich mich immer wieder, während ich rannte. Ich hüpfte sogar über umgefallene Bäume. Der Nebel verschluckte das Fahrrad. Wieso renne ich barfuß, fragte ich mich und wollte nachsehen wie meine Fußsohlen aussehen. Dann wachte ich auf.  Ich sah um mich herum. Ich bin in meinem Bett. Ich drehte mich um und wollte zurück in den Traum um ihn weiter zu träumen.

Wieso schlich sich Maman's rotes Fahrrad in meinen Traum? 

Vielleicht weil Tante über Traubenlese sprach und René und Lars und ich heute in den Weingarten fahren um Melonen und noch anderes zu  ernten. Jahrelang hat niemand dieses Fahrrad beachtet, weil niemand seit.....die Hütte richtig genutzt, belebt und darin so richtig gelebt hat.

Als Kind habe diese Hütte geliebt. Ich hätte am liebsten darin gewohnt. Ich brauchte nie viel um mich herum, außer die Natur und Menschen die ich liebe. So ist es bis heute.

Mein Handy vibrierte als mich eine neue Nachricht erreichte. 

"Bin gleich bei dir! Habe ich dich geweckt? Bis gleich Wirbelwind. Freu mich auf dich." 

Ich sah auf die Uhr. Wir haben 15:31 Uhr. Lars hatte Wochenenddienst in der Notaufnahme. 

Und ich bin immer noch müdeeeee. Was für eine harte Woche.....Aber ich muss mich gartenferig machen und auf die Schnelle einiges vorbereiten. Es wird knapp, dachte ich und hüpfte aus dem Nest. 

Und die Mädels kamen angerannt. Lars sah sehr erschöpft aus. Aber wegen Zoé wollte er mit, damit er auf sie aufpasst. Ohne die Mädels bleibt Zoé nirgendwo. 

Mich hat die Hütte am Rand vom Weingarten nie so richtig interessiert. Opa hatte sie noch gebaut. Sie besteht aus einem Zimmer und einer Veranda. Und hinter der Hütte ist ein kleines Gerätehäusschen. 

Über zwei Jahre lang wollte sich Oma nicht entscheiden was mit dem Weingarten geschehen soll. "Soll er doch verwildern. Lasst ihn verwildern." Sie benahm sich wie ein stures Kleinkind. Ihr Herz und ihre Gedanken waren voller Trauer  und suchten sich einen Schuldigen für Maman's Tod. Mein Stiefvater hatte die Aufgabe auf sie gut zu achten. Dann ging Fabian auch noch und ich war daran schuld weil ich nicht auf ihn aufgepasst habe. Oma war nicht mehr sie selbst. Als Maman ging, verfiel sie in eine Schockdemenz. Irgendwann erstellte sie im Wohnzimmer ein regelrechtes Altar mit Bilder von ihr und Kerzen und mit immer frischen Saisonblumen. Als Fabian ging, verfiel sie in eine tiefe Depression und gleichzeitig in eine Demenz. Sie kochte nicht mehr, die Vorräte im Kühlschrank überreichten ihr Haltbarkeitsdatum. "Ich will nichts. Ich habe keinen Hunger."  Kurze Zeit danach verwechselte sie mich mit Maman und behandelte mich wie ein kleines Mädchen. Sie schrie mich sogar an, wenn ich nicht das tat, was sie sagte. Sie gab mir Haarpflegetipps und jede Menge Tipps wie ich meine Haut zu pflegen habe. Die meisten kannte ich schon von Maman. Einen Schuss Apfelessig auf ein Liter Wasser und damit sollte ich meine Haare spülen. Tatsächlich wurden meine Haare dadurch weicher und glänzender und die Locken sprangen regelrecht auf. Ein Sud mit Wasser und Walnussblättern für Frische.....Natron für die Nägel und ein Fußbad mit Wasser Natron und Apfelessig für Fußpflege. Oma pflegte sich bis zu ihren letzten Tagen. Ihre ganze Logik verwendetete sie dafür zu sorgen dass sie "sauber" ist wie sie zu sagen pflegte.

Als das Emotionale noch sehr mit Logik durchwachsen war, gab sie uns die Schuld für alles. Jeder von uns und alles um sie herum bekamen eine Teilschuld daran. Ich bekam einen großen Teil davon ab. Als sie anfing nachts umherzurennen, die Schränke auszuräumen, um irgendetwas zu suchen, wussten wir, dass sie nicht mehr allein bleiben darf. Dann ging ihre älteste Tochter, meine Patentante. Sie bekam es kognitiv nicht mehr mit. Eines Morgens weigerte sie sich aufzustehen, sich für den Tag zurecht zu machen, ihre graumelierten langen immer noch lockigen Haare zu einem Zopf flechten zu lassen. Opa liebte ihre Haare. Meine Tante schnitt den Zopf ab, verpasste ihr einen undefinierbaren Haarschnitt und gab ihr Medikamente die ihr ihre Hausärztin verschrieb. Oma schlief immer länger, verschlief ihre ganze restliche Zeit.

Wenn ich sie besuchte, blickte sie mich mit verschlafenen Augen an und bat mich für sie zu singen. Dann sang sie Kirchenlieder die ich noch nie gehört habe. Meine Tante kochte ihr Suppe. Hühnersuppe an der Oma sich immer wieder verschluckte und alles heraushustete. 

"Komm hilf mir, ich kabe keine Kraft mehr." rief Tante mich an. Doch ich bekam so schnell keinen Urlaub. Es vergingen vier Tage bis ich endlich fahren konnte. Lars begleitete mich und wir verbrachten jede Minute an Oma's Seite. Sie aß artig ihre Suppe, aß genüsslich ihren mit Suppe verdünnten Kartoffel-Karotten-Hänchen - Brei und verschluckte sich nicht. "Stell das für Opa warm" sagte sie und schob das Schüsselchen zur Seite. "Aber ja!" beruhigte ich sie, weil sie Angst hatte, dass Opa nichts davon abbekam. Opa war schon lange nicht mehr da. Das schien sie vergessen zu haben.

Sie lächelte wenn ich sie gutenacht küsste und eines Morgens waren ihre Hände, ihre Wangen und ihr ganzer Körper kalt. Sie lag da wie ein altes friedlich schlafendendes Baby.

Ce jour où j'ai oublié qu'il y n'avait pas une pellicule dans l'appareil... L'oubli est une chose étrange et difficile, une angoisse de l'âme, un film qui as pris la lumière et puis s'est effacé..

Um den Weingarten und die Felder nicht zu verlieren bezahlte ich die Jahrespacht und laut neuem Pachtvertrag  gehörte es offiziell mir. Ich habe nur eine vage Ahnung von Weinreben und Wein. Mein Stiefvater blieb stur. Er erinnerte sich dass Maman den Weingarten liebte und sie Melonen und Kürbisse und Beeren zwischen die Reben setzte. Aber er wollte den Weingarten aus Prinzip nicht.

Dieses Jahr überwies mir René die Pacht. Wir haben alles zu einem gemeinsamen Projekt gemacht. Er hat Hausputz gemacht und ein paar ausrangierte Möbelstücke ins Zimmer gestellt. Einen Grill gekauft und den Pumpbrunnen gestrichen. 

In einer Ecke des Zimmers stand noch das Fahrrad von Maman. Sie konnte  schon ein Jahr vor ihrem Tod diese lange Strecke nicht mehr Fahrrad fahren ohne drei viel Pausen einzulegen.

René hat das Fahrrad poliert und es sieht fast aus wie neu. Und ich kann es nicht einmal berühren. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich fühle ihre Hand auf meiner, wenn ich es berühre. Das fühlte ich lange Zeit bevor wir die Praxis umbauten auch.

Normalerweise ziehen Fahrräder Feuchtigkeit aus und bekommen Flecken. Ihres blieb so wie sie es stehen gelassen hat.

Pá erzählte uns, dass sie ihn anrief sie abzuholen, denn sie hätte jede Menge Ernte die heimgefahren werden müsste. Als er eintraf saß sie am Verandatisch und fror. Seit 2012 steht das Fahrrad also da und es sieht aus als hätte sie es erst ausgepackt. 

Tante hat sich einen E-Roller von Xiaomi gekauft. Eine 73 Jahre alte Frau und ein E-Roller zieht alle Aufmerkramkeit auf sich. Und ihr Fahrstil nicht minder. Zum Glück nur auf dem Feldweg. Noch....

Man muss mit der Zeit gehen......Nichts bleibt immer gleich. Das Leben hat auch seine Teilchenphysik. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass mein Herz sie nicht anerkennen will und ich nicht mit der Zeit gehe, sondern hänge irgendwie fest. Pá, so habe ich das Gefühl, löst sich immer mehr von der Familie. Er fährt oft in die Stadt, kommt am späten Nachmittag nach Hause, macht seine Hausarbeit und zieht sich zurück. Er war heute auch nicht bei der Ernte dabei. 

"Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er hier alles aufgiebt und in die Stadt zieht." spekulierte Tante. Pá sprach mit uns nie über sein Leben ohne Maman. Sein Gefühlsleben war für niemandes Ohren bestimmt. "Ob er eine Freundin hat?" spekulierte Tante weiter. "Der Kerl war schon immer etwas eigenartig. Ich mache drei Kreuze wenn der endlich hier weg ist."

"Nur weil nicht jeder mit dir über sich redetet?" regte René sich auf.

"Das ist auch so einer!" keifte Tante und zeigte auf René. René redet nicht mit jedem über alles. "Hast jetzt endlich eine neue Freundin? " René winkte lächelnd ab.

Sogar sein Geflügel hat er uns überlassen. "Schlachtet es oder verkauft es. Ich muss mein Leben leben, bevor es zu Ende ist."  Manchmal übernachtet er auch in der Stadt. Wir stellen keine Fragen. Er würde sie eh nicht beantworten. Wir verstehen ihn nicht und vermissen ihn sehr. Irgendwann muss man aber loslassen. Und er brauchte vielleicht jemanden, die ihm gezeigt hat wie man loslassen kann. Es ist nie das Ende der Welt, nur das Ende eines Lebens. Er sagt es uns noch nicht, da er denkt wir würden es ihm für übel nehmen. Ich nehme ihm es nicht übel, ich wünsche ihm dass es sein Glück noch einmal findet.

Und Pá ist noch sehr rüstig und auch für sein Alter noch sehr gepflegt und attraktiv. Vielleicht ist ihm eine neue Frau begegnet und er hat sich verliebt. Oder aber er liebt sie sogar. Liebe ist immer anders und oftmals wird die neue Liebe als noch einzigartiger, noch intensiver und noch tiefer empfunden.

Loslassen ist kein Verlust. Das Leben ist nicht da, um sich selbst darin aufzugeben. Ein Herz-E-Roller für den Herzfortschritt ziehe ich immer in Betracht. Einen anderen auch, aber wenn ich bedenke, dass er nicht unbedingt nützlich ist.  Fortschritt ja, aber nur etwas was mich seelisch und gedanklich fördert und fordert und herausfordert.

.....Es gibt immer noch Traurigkeitsaugenblicke die mich bis in den Schlaf begleiten. Sie werden immer seltener aber der eine oder andere Impuls rufen sie unberwusst hervor. 







Absurdité

 Es war wie der erste Augenblick, nachdem ein Lied mit dem letzten Akkord, mit dem letzten Ton, nach dem letzten Wort zu Ende ist. Der erste Augenblick vor der ohrenbetäubenden endlos gefühlter Stille. Der Augenblick in dem die Welt aufhörte sich zu drehen und ich mich ebenso endlich fühlte, als wäre alles Leben aus mir verflogen. Herausgeflogen wie ein im Käfig gefangener Vogel. Ich wollte noch einmal einatmen. Der letzte Atemzug vor dem Ende der Welt.

Es regnete als hätte der Himmel all seine Tränen in einer Wolke gesammelt um über die Welt zu weinen. Und über mich.

Doch urplötzlich kam das Leben in die Welt zurück. Als würde die Natur instinktiv wissen wie es geht, das Leben zurück zu erobern. Die Frühlingssonne schien, die Vögel zwitscherten in den knospenreichen Bäumen. Nur ein Leben hat heute seine Endlichkeit, wurde mir bewusst. Man breitete diese Endlichkeit vor mir aus, damit ich sie noch sehen kann bevor der Himmel sich über sie legt und flüstert: "lass uns gehen du und ich."

Manchmal denke ich zurück an diese friedliche und zugleich beängstigende Stille, an die damals stillstehende Zeit. Ein stiller Augenblick ohne jedes Leben.

An deinen Arm der sich um meine Schultern legte, der mein ganzes Ich umarmte, umrahmte und mich wärmte, wie die Frühlingssonne den Himmel wärmte und die Regenwolke verscheuchte. Eine majestätische unbeschreibliche Geste in der stillstehenden Zeit in der alles Leben herausgeflogen war und alles düster, kalt und leer wurde.

So viele Augen auf mich gerichtet, so viele Ohren die sich dehnten und immer größer wurden, nur um mich weinen zu hören, schreien zu hören. So viele Erwartungen die mich zusammenbrechen erleben wollten. So viele Absurditäten in den Wünschen der Menschen auf einmal.

Anscheinend kennen sie diese Stille nicht, wenn die Welt still steht und alles Leben weicht. Und ich kann sie nicht einmal verständlich erlebbar beschreiben.  Sich wie die Natur zu verhalten, muss der Mensch erst erlernen. Auf seine Instinkte zu hören, wenn alle Absurtitäten der Schauneugierigen so lebendig sind. Ich sammle keine Absurditäten um mich herum. Ich habe keine Vitrine dafür in meinem Herzen. Ich vermisse mein Ich, wenn ich mich hinter unnötigen Worten verliere, wenn ich mich in die Köpfe anderer versetze, um die Gründe zu verstehen. Ich vermisse mich selbst, wenn ich nicht auf meinen Atem höre, wenn ich Sklavin von Gewohnheiten, Ritualen werde. Man kann nur lernen den Schmerz mitzufühlen, indem man seinen eigenen Schmerz fühlt. Mehr kann man nicht tun.

Ich war noch lange in dieser Stille gefangen und meine Natur war nicht bereit den erwartenden Augen zu zeigen was sie sehen wollten - mein Ich als die Welt sich nicht mehr drehten und alles Leben verflog.

Deine Umarmung führte mich zurück ins Leben. Deine Hand wischte die Regenwolke vom Himmel und deine Liebe malte die Sonne ins Himmelblau. In deiner Umarmung wurde ich lebendig und ich fühlte meinen Schmerz. Du hast mich durch das Vermissen begleitet, wie durch einen dichten uns unbekannten Dschungel. Du hast mir auf deine Art gezeigt, was das Leben noch viel mit mir vor hat.



Das solltest du noch wissen, falls ich es noch nicht gesagt habe.






Er

Juli 2015

Ich lag die ganze Nacht schlaflos in meinem Bett. Mein erster Arbeitstag als Chirurgin. Ich war für den Frühdienst eingeteilt und er war mein Schichtdienstleiter. Anders als ich es kannte gab es hier keine festen Teams. Das machte mir etwas Angst, denn ein eingespieltes Team weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann wenn es schwierig wird. Auf alles Neue, alles Unvorhersehbare, alles Unbekannte gehe ich mit einem zurückhaltenden, abwartenden und erwartendem Gefühl an.

Einen Tag zuvor meldete ich mich noch einmal telefonisch zum Dienstantritt an und man stellte mich sofort zum Schichtdienstleiter durch. Mein Handy rauschte und knackte und ich konnte ihn nicht verstehen. Ich entschuldigte mich, legte auf und rief über mein Festnetztelefon an. Ich entschuldigte mich noch einmal für die schlechte Verbindung. 

Er lachte in mein Ohr. Es war mir so peinlich, weil ich sein Lachen nicht einschätzen konnte. Lachte er aus Höflichkeit, oder lachte er mich aus, da ich mich so dusselig anstellte. Er las mir meinen Dienstplan für die ganze Woche vor und sagte mir, dass ich zur ersten OP eingeteilt bin, dass ich ihm assistieren werde und dass er sich auf mich freut. Nachdem wir und gegenseitig einen schönen Tag wünschten, fingen meine Gedanken an wie ein Karussel zu kreisen, mein Herz raste und jeder Herzschlag fühlte sich an als würde er meinen Brustkorb sprengen. "Ich brauche ein neues Handy  mit allem Schnick-Schnack und von einem Anbieter der keine Funklöcher fröhnt." dachte ich. 

Ich konnte mit niemandem über meine Gefühlsgewitterwolken reden. Seit ich wieder zurück ins Rheinland in mein Vaterhaus gezogen war, da ich in der Nähe meine neue Arbeitsstelle bekam, meldete sich meine Freundin Denise nur noch sporadisch bei mir. Außer "viel Glück, du rockst es schon" schrieb sie nichts. Ihr Partner schien sie zu kontrollieren. Sie war immer noch wütend auf mich, wieso ich weggezogen war und mir nicht in einem Krankenhaus in ihrer Nähe eine Stelle suchte. Ich wollte meinem Ex nicht mehr begegnen und hoffte er würde schneller der Scheidung einwilligen. Sie hatte ihre eigenen  noch heftigere Beziehungsprobleme als ich und hatte ihren Kopf und Herz nicht mehr frei für mich.

Als ich dann endlich doch einschlief und knapp zehn Minuten bevor der Handywecker klingelte unter die Dusche rannte.

Nur ganze 20 Minuten später stand ich vor ihm. Er sah mich lächelnd an und hielt meine Hand in seiner einen gefühlten Endlosaugenblick länger in seiner. Vor mir stand ein Mann der knapp geschätzte dreißig cm größer ich als ich selbst. Schlacksig, humorvoll und von ruhiger Natur.

"Das Atmen nicht vergessen, liebe Kollegin." riss er mich aus dem Gedanken. "Dienstbesprechung in zehn Minuten. Danach OP-Vorbereitung. Sie assistieren mir. Bis dann." dann ließ er mich stehen und rannte vor. 

Nach einen kurzen Vorstellungsrunde und nach der Schichtübergabe verabschiedeten sich die Kollegen vom Nachtdienst und er, das OP-Team und ich bereiteten uns für die Op vor. Ich sah auf die elektronische OP-Tafel und staunte. ich war als war als leitende Chirurgin eingetragen. ich sah ihn an und bevor ich sprechen konnte, sagte er: " ich will sehen was du drauf hast. Hier duzen wir uns. Was dagegen?

"Nein!" sagte ich leise und rannte hinter ihm her. 

Ich fühlte mich fast allein auf dem "OP-Feld." 

"Etwas lauter bitte!" erinnerte er mich."Du hast doch gefrühstückt, nehme ich an."

Ich führte das Team durch die OP  und war erleichtert, dass es keine Komplikationen gab.

"Gut gemacht!" Er legte seine schmale Hand auf meine Schulter und sah mich an. "Kaffee?" fragte er.

"Danke, nein. Ich trinke keinen Kaffee." 

"Dann leistest du mir Gesellschaft?" er rannte vor und hielt mir die Tür auf. Ich kannte solche Gesten von meiner Ausbildungsklinik nicht. Für Höflichkeiten hatte man nichts übrig. Ich fragte ob  hier es auch so stressig wäre. 

"Wir sind kein Fließband. Ich weiß aber was du meinst. Stress haben wir auch genug, da wir wie du siehst chronisch unterbesetzt sind."

Ich nickte und er sagte während wir auf dem Weg zur nächsten OP waren, die er leitete: "Wir gehen nach dem Dienst manchmal etwas "Chillen"  Um die Ecke ist ein Pub. Wenn du mitkommen möchtest."

"Oh, Pub! Ich trinke aber kein Alkohol."

"Trocken?"

"Nein!" ich lachte. "Wieso denkt man das immer, wenn jemand keinen Alkohol mag?" fragte ich etwas gereizt.

"Weil es selten jemanden gibt der gar keinen trinkt." stellte er fest.

"Trinkst du welchen?"

"Manchmal einen Wein, oder ein Bier."

"Pferdepisse." verplapperte ich mich.

"Bitte waaas?" Er lachte laut und ich musste einfach mitlachen. Er riss mich mit in den Lachstrudel.

"Wird dir gefallen. Samstags und Sonntags gibt es  meisten Irish Dance! Ich bin ein guter Lehrer, falls du einen brauchst. Wir waren heute ein gutes Team. Willkommen im Rheinland!"

"Merci, aber ich lebe hier mit meinem Bruder ihm Haus unseres Vaters."

"Dann willkommen hier bei uns.Was denkst du gerade?"

"Dass alle OP gut verlaufen sind."

Ich ging zu den Spinden, zog mich um und hörte:
"Kotzbrocken, heute hat er sich von seiner allerbesten Seite gezeigt. Sie scheint etwas naiv zu sein. Der wird ihr auch schnell die Hölle heiß machen, wenn er schlechte Laune hat, weil seine Kleine ihn wieder die ganze Zeit in Anspruch nimmt." hörte ich eine Kollegin über ihn herziehen.
Ich war viel zu müde darüber objektiv nachzudenken, wer mit "seine Kleine" gemeint sei und darüber dass man mich unterschätzt und dass ein Mensch der so ruhig, so gelassen, so humorvoll, sehr schlecht gelaunt sein könnte. Es war mir aufgefallen dass sehr viel getrascht wurde. Obwohl man sich untereinander kaum kannte, wurde sobald einer den Raum verlassen hat über ihn hergezogen. 

Aber das Wetter ist nicht immer nur heiter und dunkle Wolken bedeuten nicht immer Regen. Der erste Tag endete mit vielen Gedanken und mit einem unguten Gefühl.

Die ersten Monate vergingen. Die Arbeitstage waren mit viel Stress durchwachsen. Ich besuchte einige Male das Pub. Er stellte mich seinem Bruder und dessen Frau, seinen Freunden und ein paar Kolleginnen und Kollegen von den Partnerkliniken vor. 

Wir waren ein gutes Team im OP, im beruflichen Alltag konnten wir uns blind aufeinander verlassen.
Eines Tages brachte er seine schwer kranke Tochter vorbei und bat mich ob ich sie für ein paar Stunden übernehmen würde, damit er ein paar Termine wahrnehmen könnte.
Ich war gerührt und ängstlich zugleich für das Vertrauen das er mir entgegen brachte und für die schwere Aufgabe die er mir zutraute.
Als er sie ein paar Stunden später abholte und die Kleine laut protestierte, dass sie hier bleiben möchte, hatte er Tränen in den Augen.
"Kein Thema für mich, ab und zu kann ich auf sie aufpassen, wenn du Termine hast." murmelte ich.
Tag für Tag redete er immer mehr über sich. 
"Wie führt man denn eine Fernehe? fragte er, als ich mit ihm über mich redete.
"Ich führe sie nicht mehr. Anfangs dachte ich mit Liebe schafft man alles. Ich dachte er würde nachkommen, aber er suchte sich eine Kollegin aus mit er zwischendurch seine Freizeit verbringen wollte. Und als sie ihm den Laufpass gab, wollte er zu mir zurück. Ich habe mich nach dem Examen hier für eine Stelle beworben und am gleichen Tag als ich eine Stelle bekam, habe ich ihm die Scheidungsunterlagen zugesendet."
"Liebst du ihn noch?" fragte er leise.
"Liebe ist  für mich endlich. Es ist nur das was man daraus macht.  Ich weiß es nicht ob ich ihn genug geliebt habe, wie er geliebt werden wollte. Aber als er sich für eine Kollegin entschied, war meine Liebe zu ihm weg.  Wir haben überstürzt geheiratet. Er war liebevoll zu mir, etwas chaotisch, verspielt, wollte immer der Kern, der Nabel, der Mittelpunkt sein. Ich regte mich über seine Unordnung, Unselbstständigkeit auf. Er nahm mir viel Substanz. Ihm war es langweilig neben mir zu sitzen wenn ich für mein Facharzt lernte. Er wollte mit Freunden um die Häuser ziehen und mir war das viel zu laut, viel zu albern. 

Vielleicht  bin ich innerlich gar nicht bereit für eine Beziehung. Ich bin hin und her gerissen. Meine Familie möchte, dass ich nach Hause komme, mein Bruder braucht hier Hilfe." Ich erzählte ihm über die Krankkeit meines Bruders und über meine Ängste und dass er sich nicht von mir helfen lässt. Dass ich nicht mehr bereit bin ihm zu helfen. 
Er nickte. "Man lässt die Tür offen und das Licht brennen. Man bricht nicht so schnell. Das ist Liebe. Das ist Familie. "
"Ich schließe die Tür und schließe sie sogar ab, wenn mich nichts mehr tun kann."
"Solltest du aber nicht. Er ist dein Bruder. Egal wie viel ihr euch streitet. Man streitet sich nur mit denen die einem nahe stehen."

Als er nach dem Urlaub nicht mehr zurückkam, weil er sich um seine Tochter kümmerte deren Zustand sich schnell verschlechterte, trafen wir uns nur um uns gegenseitig auszuheulen. Wir waren fast zwei Jahre miteinander befreundet.

Mein beruflicher Alltag wurde noch stressiger. Unter dem neuen Schichtleiter, der ein Choleriker war und die Kollegen untereinander ausspielte, litt ich sehr. 
"Soll ich mit ihm reden? Ich kenne ihn gut." fragte er
"Nein, bitte nicht. Er wird mich noch mehr scheuchen." bat ich.
Er sprach trotzdem mit dem Schichtleiter und ich konnte aufatmen. Ich bekam immer mehr Verantwortung aufgetragen und durfte ihn auch im Urlaub vertreten.
Als eine neue Stelle in der neuen Klinik frei wurde, wurde sie mir zugeteilt.
Als er mir schrieb, dass seine Tochter verstorben sei, wollte er dass wir uns oft sehen.
Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Ich erzählte ihm nicht, dass ich nur aus einer Wut heraus, weil mein Ex immer noch die Scheidung ablehnte, im Begriff war mein Leben als Fußnote einer Dummheit zu machen.
"Ich komme am 1. des Monats zurück. Ich habe bei dir eine Stelle bekommen. In einer anderen Schicht. Ich nehme dir den Posten nicht weg, keine Angst. Ich kann gut unter dir arbeiten."
Wir waren Freunde und ich hatte keine Angst. 
Als mein Zwillingsbruder starb, wurde ich zwei Wochen krank geschrieben. Danch nahm ich meinen ganzen Jahresurlaub um Dinge zu regeln. Er half mir bei den Formalitäten und wir gingen ab und zu aus. 
Ich mahm meinen Dienst wieder auf und versuchte mich Tag für Tag durch die Trauer zu kämpfen. 
Als wir uns nach dem Dienst im Café verabredeten fragte er mich. "Wie lange willst du es vermeiden über uns zu reden?"
"Worüber?"fragte ich erstaunt.
"Über uns," sagte er ernst.
"Was ist das nun mit uns. Gibt es denn ein Uns das mehr als nur auf Freundschaft basiert?" fragte ich erstaunt. Ich war verwirrt. Wir hatten nie über ein "uns"gesprochen. Wir hatten uns nicht einmal geküsst. Wir umarmten uns ab und zu. Seine Arme fühlten sich gut an und ich fühlte mich darin geborgen. 
"Ich kann nichts Neues beginnen." stammelte ich.
"Wir haben doch schon längst was Neues!" erklärte er.

"Ich bin noch ganz verwirrt. Ich weiß nicht einmal was nun mit seinen Kindern passiert. Meine Exschwägerin hat einen neuen Lebenspartner und erwartet in 5 Monaten ein Kind von ihm. Die Mädels klammern sich beide an mich, wie du siehst. Ich habe keine Ahnung wie mein Leben weiter geht."

"Schon klar."

"Schon klar? Eigentlich ist es keine Basis für eine Beziehung. Die Mädels wollen hier bleiben. Und nun stelle ich ihnen einen neuen Menschen in meinem Leben vor."

"Ich kenne die Mädels schon und sie scheinen mich zu mögen. Sie sprachen die ganze Zeit mit mir. Du bist sauer auf mich?!

"Nein! Nein! Es soll nur nicht sein. Ich muss los zum Dienst. Wir sehen uns. ich rufe dich an." "Versprochen!?"Ich lasse nicht locker bis du "Ja" sagst.

"Zu was?"

"Zu einem "Uns"."

"Aber ja."

"Was aber ja?"

"Ich sage Ja zu uns. Ich ruf dich an, sobald ich kann."





Wie das Leben so spielt

 Maman war eine wunderbare, aber auch übervorsichtige und übervorsorgliche Mutter. Kontrollfreaks waren Maman und mein Vater. Jeder auf seine eigenartige Art. Maman sorgte sich nicht nur um das äußerliche Erscheinungsbild wie saubere und adrette Kleidung und für sauberen Haushalt wie mein Vater. Sie sorgte sich für jeden einzelnen Furz der uns Kindern quer saß.

Wir Kinder waren immer herausgeputzt wenn wir ausgingen. Unsere Schuluniform sah immer wie neu gekauft aus. Die Waschmaschine lief immer. So viel Dreck produzierten wir gar nicht. 

Maman beachtete die Männer gar nicht, wenn sie sich nach ihr umdrehten. Sie hatte Papá und war glücklich. Den einzigen Streit den Pá und sie führten war, weil Maman darauf achtete, dass sein Hemd immer in der Waschmaschine verschwand bevor er es noch einmal anziehen konnte.

Ich nahm diese Gewohnheit an und machte meine Parter damit wahnsinnig. 

Vor Mamans Ordung habe ich bis heute großen Respekt, aber als Kind wollte ich manchmal auch dreckig sein, mal ungekämmt, mal wild.

Ich war lange Kind. Und als ich 16 Jahre alt war schleppte mich Maman zum Arzt, da ich immer noch nicht meine Periode hatte. Erst als ihr drei Kollegen versicherten, dass alle Werte optimal wären, war sie etwas beruhigt.

Eines Abends hatte ich heftige krampfartige Bauchschmerzen und ich konnte nicht einschlafen. Maman tastete mich ab und meinte der Blinddarm wäre es nicht. Die Schmerzen ließen nach und ich schlief ein. Als ich aufwachte um zur Schule zu gehen, klebte meine Pyjama an meinem Hintern. Ich dachte ich hätte ind Bett gekackt und dann sah ich das Ausmaß und ich fühlte mich hundeelend. Ich zog die Betwäsche ab, und stopfte sogar die Decke in die Waschmaschine. Ich überdosierte das Waschpulver und Pá kam dazu. Ihm war es sofort peinlich, entschuldigte sich ein pardon murmelnd und rannte hoch und rief nach Maman.

Wir setzten und auf den Boden im Waschkeller und Maman weinte und weinte so herzzereißend und ich weinte mit ihr und wusste nicht ob ich vor Bauschmerzen weinte oder vor Scham. Mit Salz bekam sie die Matratze sauber und ich konnte ein paar Tage niemanden ansehen. Es war mir peinlich, weil die Familie wusste was los war. 

Meine Brüder fragten was ich hätte, da ich zu Hause bleiben durfte. "Mädchensache! dafür darf sie faulenzen? Unfair!" rief Fabian und war sauer weil er nicht daheim bleiben durfte. Und er tratschte es sogar dem Klassenlehrer. Ich prügelte auf ihn ein bis Pá uns trennte.

Ein Mann zu Mann Gespräch und Fabian murmelte ein Pardon und verschwand in seinem Zimmer. René war vernüntig und mischte sich gar nicht ein. Fabián und er verstanden sich nie, René ging ihm immer aus dem Weg, damit er keinen Ärger mit Maman bekam, wenn er sich mit Fabian stritt. René hat sich aus der Familie immer etwas rausgehalten. Er verstand sich nur mit Pá gut.

Für Maman war ich das Kontrollobjekt. 

"Wer war der Junge? Mit wem triffst du dich? Der ist drei Jahre älter als du, ich will dass du dich von ihm fern hältst. Lass den sein, sein Vater säuft. Wer war das eben? Der ist nicht auf deiner Schule. Wieso hat der nur mit dir getanzt?" So ging es tagtäglich bis ich 18 wurde.

"Ich habe immer noch das sagen auch wenn du 18 bist. Wollte es nur gesagt haben."

Maman hatte immer eine Art Angst um mich. Sie hatte um meine Brüder auch bisschen Angst. Auf Fabian war sie wütend, aber als seine erste Tochter geboren wurde, war sie ganz vernarrt in sie. Als die zweite Tochter geboren wurde, ging seine Ehe in die Brüche. Maman nahm das Baby zu sich. Erst als sie körperlich immer schwächer und müder wurde, gab sie es wieder Fabian zurück. "Pass gut auf Noelle auf!" sagte sie mit flehendem Blick. 

Ich weiß nicht ob es das unbewusste Bewusste gibt, Psychologie ist eine harte Nuss für mich. Jeder Psychologe würde mich zum Teufel jagen, wegen meinen Ansichten. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass animalische Instinktive nicht gezähmt werden kann. Die wilde Natur des Menschen ist unzähmbar trotz Moral oder Knigge oder was auch immer.

Zumindest stand ich lange, sehr lange unter Schock als Maman ging. Ich war noch viel zu viel Kind im Herzen, auch wenn ich äußerlich erwachsen war  und gesetzlich als Erwachsene galt. Ich war äußerlich super konzentriert, ich war wachsam. Ich konnte im Lehrbuch sogar sie Seite sagen und Zeile wo ich was gelesen habe. Aber zu Hause, allein innnerhalb der vier Wänden, wo mir niemand zusah, war ich ein Kind. Ich ahnte dass Maman sich unbewusst verabschiedete. Ich fühlte es. Ich konnte diesem Gefühl keinen Namen geben, es nicht zuordnen.

Und danach rebellierte ich innerlich. Was ich aus ihrer Sicht nicht durfte tat ich. Ich hatte keine Erfahrung mit Männern und ich verliebte mich anfangs viel zu schnell in den einen oder anderen. Ich glaubte nicht an die Liebe auf den ersten Augenblick, aber ich tat so als wäre sie die tiefste und innigste und unendlichste Liebe für mich. Der Augenblick ist endlich und mit ihm auch die Liebe. 

Aber so schnell ich mich verliebte, entliebte ich mich auch. Ich hegte keine tiefen Gefühle. Für mich war Liebe wie eine Grippe. Drei Tage kommt sie, drei Tage bleibt sie und drei Tage geht sie. dann war ich wieder liebelos nicht lieblos. Von einigen Männern wurde ich geliebt. Ob von ersten Augenblick an oder etwas später, weiß ich nicht. Als ich ging ließ ich meinen und ihren Schmerz zurück.

Ich war wie ein wildes Tier das verletzte und verletzt wurde. Das abwechselnd. Ich fühlte mich nicht geliebt sondern kontrolliert. Ich kontrollierte zurück.

Damals wusste ich nicht das Liebe eine andere Kraft ist als Dominanz. 

Wenn ich mich bildlich im Meer vorstelle, sehe ich nicht einen schwimmenden, sondern einen an der Oberfläche zappelnden Menschen. Und dieser Mensch war ich.

Und als die Trauer sich legte, der Nebel verschwand saß ich da und wusste, dass ich schwimmen und sogar tauchen muss, um wieder Leben zu gewinnen, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.